07.20Ashraf Aboul-Yazid: in Berliner Journalisten
Kosmopolitisch und doch sowjetisch
Wie Usbekistan sich medial noch immer abschottet
Regine Suling
Der Wind weht den heiß gegen die Beine, die Sonne scheint hier heller zu scheinen als anderswo. Die Kuppeln der Moscheen, Karawansereien und einstigen Koranschulen leuchten türkis-blau, die Atmosphäre ist selbst in der gut 2,5 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Taschkent ruhig, entspannt und bedächtig, die Menschen sind freundlich und zuvorkommend. Und doch können all diese positiven Eindrücke nicht über eines hinweg täuschen: Wer durch das mittelasiatische Usbekistan reist, bewegt sich in einem autokratisch regierten Land, in dem Oppositionsparteien einen ebenso schlechten Stand haben wie Medien, die zumeist staatlich kontrolliert sind. In dem Polizei allerorten zu finden ist, in dem bei Überlandfahrten Straßenkontrollen unter dem offenkundigen Deckmantel von Geschwindigkeitsmessungen Normalität sind. Und dann und wann auch in Schikane ausarten können, wenn Milizionäre Geld aus den Reisenden pressen wollen. „Dieses Land hat seinen Weg raus aus der Sowjetunion und hinein in die Unabhängigkeit immer noch nicht gefunden. Und auch der Spagat, einerseits ein islamischer, andererseits aber auch ein demokratischer Staat sein zu wollen, gelingt noch nicht.“ Der Journalist und Dichter Ashraf Aboul-Yazid hat genau hingeschaut, als er im Juli Usbekistan auf den Spuren der Seidenstraße bereiste, um für einen Artikel für das Magazin „Al Arabi“ zu recherchieren. Dieses monatlich erscheinende Journal wird mit einer Auflage von 240.000 Stück von der kuwaitischen Regierung produziert und finanziert und in vielen Ländern der arabischen Welt verkauft. „In jeder Ausgabe haben wir ein Schwerpunkt-Thema, in dem wir über andere Länder, Menschen und deren Kulturen berichten“, erzählt Ashraf Aboul-Yazid. So war beispielsweise auch die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Anlass, über Deutschland zu berichten. „Wir betrachten uns ein wenig wie den ‚National Geographic’ der arabischen Welt“, unterstreicht Aboul-Yazid. Wie steht es mit dem Islam in Asien? Was steckt auf und hinter der Seidenstraße? Diese und andere Fragen bewegten den Journalisten nun, gemeinsam mit einem Kollegen drei Wochen lang durch China und Usbekistan zu reisen. Dabei auch einmal hinter die Kulissen und damit ins wahre Leben der Menschen zu schauen, gestaltete sich schwierig. Denn wer offiziell als Journalist durchs Land reist, tut dies zumeist mit Hilfe der staatlichen „Jahan Information Agency“, die sich um ausländische Berichterstatter „kümmert“ und sie bei ihrer Arbeit im Auge behält. Immer wieder werden kritische Journalisten verfolgt, im vergangenen Jahr wurde laut „Reporter ohne Grenzen“ gegen eine freie Mitarbeiterin der Deutschen Welle wegen angeblicher Steuerhinterziehung ermittelt. Seit zwei Jahren brauchen ausländische Journalisten zudem eine Akkreditierung, um aus Usbekistan berichten zu können. Alles eindeutige Indizien dafür, dass es mit der Pressefreiheit in dem mittelasiatischen Land nicht weit her ist. Zwar wurde die Zensur 2002 formal abgeschafft, doch letztlich kontrolliert Präsident Islam Karimov die Massenmedien noch immer. Live-Übertragungen im Fernsehen gibt es nicht, stattdessen haben die Sendungen des staatlichen Kanals „O’zbekistan“ eher folkloristischen Charakter. Und die Nachrichten thematisieren politische Ereignisse kaum, sondern beschäftigen sich eher mit Belanglosigkeiten, dem „Jahr der Jugend“ und neuen Computern, die in einer Schule angeschlossen wurden. Dass Usbekistan in der „Rangliste der Pressefreiheit“ von „Reporter ohne Grenzen“ im vergangenen Jahr gerade einmal den 160. von 169 Plätzen belegte, verwundert da nicht. Für ausländische Medien ist Usbekistan, so scheint es, kaum existent. Denn nach dem blutigen Massaker von Andischan 2005, bei dem das usbekische Militär nach Augenzeugenberichten friedlich demonstrierende Menschen erschoss, verschwanden die Büros und Redaktionen einiger Nichtregierungs-Organisationen und Medienhäuser. Eigene Redaktionen haben ausländische Medien hier kaum noch, einige Informationen lassen sich aber mittlerweile wieder über „Radio Free Europe“ oder die BBC bekommen. Letztere hat sogar eine eigene Website in usbekischer Sprache. Einen etwas anderen und weniger politischen Ansatz verfolgt die UNESCO. Mit der „Silk Road Radio Soap“ sollen soziale Themen angesprochen werden – und das für ganz unterschiedliche Zielgruppen. Gestartet wurde das Projekt 1998 in Tadschikistan und dann auf Kirgistan und Usbekistan ausgeweitet. Um heiße Eisen wie Familienplanung, HIV / AIDS und häusliche Gewalt geht es da. Aber auch landwirtschaftliche Fragestellungen wie Fruchtwechsel und profitabler Anbau sind ein Thema für das von Wüsten und Oasenstädten geprägte Land. Auch gesellschaftliche Probleme wie Drogenmissbrauch oder die Behandlung von behinderten Mitmenschen gehören zum Spektrum der UNESCO-Radiosendung. Zwei Mal in der Woche werden diese Themen in Radio-Seifen-Opern aufbereitet und der breiten Bevölkerung nahe gebracht. Politische Probleme indes werden nicht angesprochen, hier dreht es sich zumeist um soziale Themen. Fragt man Ashraf Aboul-Yazid nach den Eindrücken, die er von seinem Usbekistan-Besuch mitnimmt, bekommt man eine drastische Antwort: „Dieses Land will nicht mehr sein als ein Basar, den man besucht und auf dem man einkauft. So habe ich beispielsweise 14 Tage lang keine einzige englischsprachige Zeitung gefunden. Im Fernsehen gibt es fast nur usbekische und russische Sender.“ Einzig wer in internationalen Hotels absteigt, kann ARD, ZDF, Deutsche Welle, BBC und CNN empfangen. „Wenn du durch Usbekistan fährst, ist es wirklich so, als würdest du durch einstige Ost-Europa reisen – und so ein Land will nicht, dass du als Journalist das Alltagsleben der Menschen kennen lernst. Während wir in Usbekistan waren, gab es in Buchara eine Explosion mit vielen Toten. Nur aus den Medien hat davon niemand erfahren“, weiß Aboul-Yazid. Und doch: Wer das Land und seine Leute ungeschminkt und ohne regierungsnahe Beobachter kennen lernen kann, stellt schnell fest, dass Gastfreundlichkeit hier ausgeprägter ist als anderswo. Dass die Menschen einen ausgeprägten Geschäftssinn haben, sich – wenn sie können – bewusst gegen die schlecht bezahlten Jobs in staatlichen Betrieben wenden und für eine Zukunft in der langsam gedeihenden Privatwirtschaft entscheiden. Oder dass sie Pläne schmieden, ihrem Land den Rücken zu kehren, um anderswo Geld zu verdienen. In Russland beispielsweise arbeiten schon viele von ihnen. Zudem merkt man kaum, dass man sich in einem islamischen Land bewegt. Kopftücher sieht man nicht allzu oft auf den Köpfen der Frauen. Und wenn, dann dient es der Bäuerin auf dem Land eher als Sonnenschutz denn als religiöses Symbol. Auch die Multi-Lingualität der Menschen ist bewundernswert: Dass ein Usbeke zwei bis drei Sprachen fließend spricht, ist Normalität. Usbekisch, Tadschikisch und Russisch: Diese Sprachen gehen vielen Menschen hier fließend über die Zunge. Und dennoch: Der Spagat zwischen Islam und Kommunismus, zwischen zart aufkeimendem Kapitalismus und den schwer wiegenden tradierten Werten wie beispielsweise der arrangierten Ehe ist nur schwer zu bewältigen. Ashraf Aboul-Yazid sieht indes gute Perspektiven für das Land, sich in Zukunft zum wichtigsten Staat in Mittelasien zu mausern: „Die Menschen hier müssen sich viel mehr ihrer Geschichte widmen als sie das bisher getan haben. Gerade die junge Bevölkerung muss sich ihres Erbes bewusst werden.“ Er wird sich nicht scheuen, in seinem Artikel für „Al Arabi“ auch all das kritisch anzusprechen, was ihm während seiner Recherche-Reise sauer aufgestoßen ist. Und er will die usbekische Regierung besonders zu einer Sache auffordern: „Öffnet Eure Grenzen und zeigt den internationalen Medien das kosmopolitische Gesicht Eures Volkes.“


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